Newsletter 110 – Der Körper kann nichts dafür.

Ihr lieben Freundinnen, Freunde und Mitgestalter einer großen Sache,

Ich war am Sonntag spazieren. Nicht, um etwas zu klären. Nicht, um auf gute Gedanken zu kommen. Ich bin einfach gegangen. Schritte auf dem Boden, Atem in der kalten, nebligen Luft, dieser unspektakuläre Rhythmus, der nichts will. Und irgendwo zwischen zwei Atemzügen kam eine Frage auf, ganz leise, ohne Anspruch auf Antwort: Was ist eigentlich der Körper?

Nicht als philosophische Überlegung, sondern wie ein inneres Innehalten. Ist der Körper das Leben selbst? Oder trägt er es nur für eine Weile? Und während ich weiterging, wurde mir etwas fast Unverschämt-Einfaches bewusst. Der Körper hat keine eigene Lebendigkeit. Er ist Materie. Erst der Atem macht ihn lebendig. Erst das, was wir Geist nennen, oder Leben, oder Bewusstsein, beginnt ihn von innen her zu bewegen. Wenn dieses Etwas kommt, beginnt Leben zu fließen. Wenn es geht, bleibt eine Hülle zurück. Still. Neutral. Ohne Drama.

Und plötzlich wirkte unser alltäglicher Umgang mit dem Körper fast komisch. Diese ständige Kritik. Dieses Optimieren. Dieses innere Nörgeln, weil er müde ist, träge, angespannt oder schmerzt. Als wäre da etwas kaputtgegangen. Als müsste man ihn reparieren, verbessern, in Ordnung bringen. Dabei ist er vielleicht gar kein eigenständiges Wesen, das man bewerten müsste, sondern eher ein Raum. Ein Instrument. Ein Resonanzkörper für das, was in uns lebt.

Wenn man das wirklich an sich heranlässt, verändert sich etwas. Dann verliert der Kampf seinen Sinn. Dann geht es nicht mehr darum, den Körper zu bezwingen oder zu disziplinieren, sondern ihn wahrzunehmen. Nicht als Problem, sondern als ehrlichen Übersetzer. Denn vielleicht zeigt er gar nicht, dass er fehlerhaft ist, sondern dass wir innerlich gegen etwas anrennen.

 

Genau darum geht es in dieser Woche. Nicht um Diskussionen, nicht um Erklärungen, nicht um neue Konzepte. Sondern um Spüren. Im nächsten Live-Talk greife ich dieses Thema auf mit dem Satz, der erst einmal provoziert und dann vielleicht entwaffnet: Dein Körper ist nicht kaputt. Du kämpfst nur gegen ihn. Nicht, um recht zu haben, sondern um still zu werden. Um zu merken, wer oder was in diesem Körper eigentlich lebendig ist.

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Fast wie von selbst öffnet sich von dort eine weitere Tür. Eine Frage, die viele verunsichert, weil sie an etwas rührt, das wir für selbstverständlich halten: Muss man eigentlich traurig sein, wenn jemand stirbt? Was geschieht wirklich, wenn ein Mensch seinen Körper zurücklässt? Wenn wir sagen, jemand sei gegangen, obwohl doch vielleicht nur die Form gewechselt hat?

In der neuen Podcastfolge von Göttlich frei, Folge 45, sprechen Anja und ich genau darüber. Still, ehrlich und ohne jede Trauerpflicht. Mit einem sehr persönlichen Erlebnis von mir, das ein paar Wochen zurückliegt und das meine eigene Sicht noch einmal vertieft hat. Diese Folge wird in den nächsten Tagen freigeschaltet und sie fügt sich auf eine erstaunlich stimmige Weise in dieses Wochenthema ein.

Podcast auf YouTube


 

Denn wenn wir aufhören, uns mit dem Körper zu verwechseln, fällt etwas weg. Vielleicht die Angst. Vielleicht der innere Druck, etwas fühlen zu müssen. Vielleicht diese leise Stimme, die sagt, man sei nicht richtig, nicht tief genug, nicht betroffen genug. Und was bleibt, ist oft überraschend unspektakulär. Ruhe. Frieden. Manchmal sogar Humor.

Vielleicht ist der Körper weniger ein Problem, das gelöst werden muss, und mehr ein Biofeedbacksystem des Lebensgeistes, der durch uns fließt. Vielleicht reagiert er nicht auf Fehler, sondern auf inneren Widerstand. Und vielleicht geschieht etwas sehr Entlastendes, wenn diese Verwechslung aufhört.

Lass uns diese Woche nicht am Körper arbeiten. Lass uns ihn bewohnen. Ohne ihn zu bekämpfen. Ohne ihn zu idealisieren. Einfach als das, was er ist. Ein vorübergehendes Haus für etwas, das nie begrenzt war.

Und vielleicht wird genau dadurch etwas leichter. Auch für ihn.

 

Es grüßt dich ein lebendiger Geist aus einem Körper, der nichts dafür kann.
Dein  und euer Theophilos

 

 


 

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2 Antworten

  1. Ich freue mich schon auf eure Gespräche am Dienstag über dieses Thema.

    Vor ungefähr 5 Jahren bin ich auf ein Vidio von Beat Imhof gestoßen.
    Er hat über dieses Thema : woher wir kommen wohin wir gehen gesprochen.
    Er sagte ,der Körper ist unser Fahrzeug, wir sitzen als Chauffeur darin und sind der Chef über unseren Körper.
    Ich dachte damals, das hat was.
    Es hat mir eine neue Sichtweise eröffnet, denn unser Körper ist ja nur Materie
    Und was bleibt ist die unsterbliche Seele.
    Der Körper ist nur Gefäß von unserer Seele und Geist.
    Unser Ego hat uns gelernt , uns mit dem Körper zu identifizieren.
    Und in unseren Egodadein behandeln wir unseren Körper, als wäre es ein Schmuckstück.
    So wie ein Autoliebhaber an seinen Auto rummacht ,es polliert und schmückt mit allen Schikanen.

    Ich möchte nicht sagen,dass wir nicht auf unseren Körper schauen sollen. Das sollen wir schon.

    Aber wir sind nicht der Körper, wir bewohnen diesen Körper nur.

    Wenn ein geliebter Mensch stirbt, vermissen wir nicht den Körper ,wir vermissen das was diesen Menschen ausgemacht hat nähmlich das Herz ,die Stimme, die Wärme ,die Liebe die von diesen Menschen als hochschwingende Energie herausgeflossen ist.

    Meine Frage ,was ist mit den Lebewesen Tiere?
    Haben Tiere auch so etwas wie eine Seele?

    Aber da war ich noch tief in der Religion verhaftet.

    1. Liebe Evi,
      danke dir für diese feine, wache Spur, die du hier legst. Man spürt in jedem Satz, dass sich dein Blick über die Jahre geweitet hat – nicht durch neue Antworten, sondern durch ein tieferes Erkennen. Dieses Bild vom Körper als Fahrzeug ist tatsächlich ein hilfreiches Übergangsbild. Es nimmt dem Körper die Last, alles sein zu müssen, und gibt dem Leben darin wieder Raum.

      Und ja, genau da beginnt etwas Entscheidendes zu kippen: Wir pflegen den Körper oft wie ein Schmuckstück, manchmal sogar wie ein Statussymbol, und vergessen dabei, dass er vor allem ein Zuhause ist. Ein temporäres. Ein sehr sensibles. Aber eben nicht das, was wir sind. Wir bewohnen ihn – und manchmal verwechseln wir uns mit der Fassade.

      Was du über das Vermissen schreibst, trifft den Kern. Wir vermissen nie die Materie. Wir vermissen das, was durch sie hindurch geleuchtet hat. Die Stimme. Die Wärme. Die Art zu lachen. Diese unverwechselbare Präsenz. Und genau daran erkennt man, dass Leben nie im Körper steckte, sondern ihn nur berührt hat.

      Deine Frage nach den Tieren ist deshalb so kostbar, weil sie aus dieser neuen Wahrnehmung entsteht. Wenn wir einmal aufgehört haben, uns über den Körper zu definieren, fällt es schwer zu glauben, dass ausgerechnet Tiere „weniger“ sein sollten. Vielleicht liegt genau dort der alte religiöse Rest: die Idee einer Hierarchie des Lebens. Der Freiheitssprung würde sehr leise sagen: Leben ist Leben. Bewusstsein zeigt sich in Formen. Manche sprechen, manche nicht. Manche denken in Worten, andere in Resonanz. Aber das Herz erkennt sich oft gerade bei Tieren besonders klar – vielleicht, weil dort weniger Verkleidung im Spiel ist.

      Du musst diese Frage nicht beantworten. Es reicht, sie offen zu halten. Denn allein, dass sie auftaucht, zeigt, wie sehr sich dein Blick bereits gelöst hat vom alten Raster. Nicht weg von der Achtung vor dem Körper, sondern weg von der Verwechslung.

      Danke dir für dieses Mitgehen, für dein Teilen, für deine Tiefe.
      Ich freue mich sehr, dass du am Dienstag innerlich mit am Tisch sitzt. 🤍

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